„[…] Befreit vom historischen Umfeld der 1920er Jahre transformiert Biganzoli Kokoschkas archetypischen Geschlechterkampf eindrücklich und passend zur Musik in den ‚normalen’ Beziehungsalltag unserer Tage. Fast voyeuristisch blickt man hinter die Kulissen der spärlich möblierten, immer mit einem Sofa ausgestatteten Wohnzimmer eines offenen, mehrstöckigen Haus. […] Einstieg und Überleitung für das komische Nusch-Nuschi ist eine Feier vor Ort. Getränkeflaschen werden verteilt, rote Lampionketten aufgehängt, Seemanns-, Liebes- und Tanzlieder aus der koreanischen und japanischen Heimat der Ensemblemitglieder vorgetragen. Mit dem Auftritt des grünen Wackelpeter verteilenden Diener Tum Tum beginnt das skurrile, sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernende, burmanische Spiel. […] Mit Sancta Susanna kehrt man zurück in normative Einöde und Grausamkeit des ersten Einakters. Unter Auslassung des klösterlichen Ambientes konzentriert sich die Inszenierung auf die Tragik des Beziehungsgefüges, sodass Einheitlichkeit der rahmenden Einakter und belebender Kontrast des burmanischen Spiels betont werden. Biganzoli nutzt als inhaltliche Verknüpfung außerdem die gleiche Besetzung einiger Hauptfiguren. Vervollständigt wird das eindrückliche Gesamtbild von einem in allen Rollen gut besetzten, engagiert spielen- und singenden Gesangsensemble, einem super einstudierten, immer homogen artikulierenden Chor, dem differenziert gestaltenden Orchester unter der souveränen Leitung von Andreas Hotz.
Eine unbedingt sehens- und hörenswerte Inszenierung und gelungene Aktualisierung der Hindemithschen Opern-Einakter der frühen 1920er Jahre.“
ONLINE MUSIK MAGAZIN, 21.6.2013
„[…] Jochen Biganzolis Inszenierung am Theater Osnabrück springt nicht vom mythologischen Ort in archaischer Vorzeit (Mörder, Hoffnung der Frauen) nach Fernost und von dort ins katholische Nonnenkloster (Sancta Susanna), sondern verortet alle drei Einakter von Paul Hindemith im Hier und Jetzt. Das Nusch-Nuschi wird dabei zur Maskerade mit asiatischem Motto: Rote Lampions, Masken aus gelben Papptellern und viel Hochprozentiges genügen den Mitgliedern eines Gesangsvereins, um sich bei ausgelassener Feier in grotesken Unterhaltungsnummern zu blamieren und schließlich zu unverbindlichem Sex zu wahllosen Paar- oder Gruppenkonstellationen zusammenzufinden. […] Hinter der Fassade dieses satirisch-frivolen Gesellschaftsspiels verbergen sich die Themen Geschlechterkampf und sexuelle Repression – und damit könnten Hindemiths Einakter aktueller nicht sein. […] Biganzoli thematisiert in seiner Inszenierung die Mesalliance von öffentlicher Übersexualisierung und privater Wirklichkeit und findet in Hindemiths Triptychon eine überzeugende Voraussetzung moderner, nicht-linearer, episodischer Erzählform vor. Die Eignung des Materials zum Spiegel einer ewig mehrspurigen Realität ist in der Tat frappant: Ganz im globalen, medialen Geist vernetz er die drei scheinbar unvereinbaren Geschichten zu einer dreiaktigen Einheit und löst im Gegenzug die drei Geschichten in kleine parallele Einzeldramen auf. […] In solchen episodenübergreifenden Figuren offenbart sich der Kern dieser Inszenierung: Zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zerrissene, umso realistischere Charaktere. Bild und Musik stehen sich als spannungsvolle Gegenpole gegenüber: Alltägliche Beziehungsabgründe konterkarieren in Mörder, Hoffnung der Frauen den heroischen Charakter der an Strauss und Wagner anklingenden Partitur, die das Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Andreas Hotz klar artikuliert.“
DIE DEUTSCHE BÜHNE ONLINE, 17.6.2013